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Chipstartnummern, Nettozeitmessung und Hockenheimer Dualstart

Zwei Fragen werden immer wieder gerne diskutiert, eine längere und eine kurze. Beide betreffen das gleicche Thema: Kosten und Nutzen der Nettozeitmessung.

Die lange Frage: Beim Hockenheimringlauf werden ab 2014 eine chipbasierte Zeitmessung durchgeführt. Diese jedoch wird nur als Bruttozeit ermittelt. Damit werden die weiter hinten Startenden stark benachteiligt, wenn die Starterschlange sehr lang wird. Bei größeren Läufen wie beim Hockenheimringlauf mit mehr als 1200 Teilnehmer dürfte das der Fall sein, somit doch ein hoher Bedarf für Nettozeitmessung, oder? Wären die 1 oder 2 Euro höheres Startgeld für zusätzliche Nettozeit-Messeinrichtungen nicht gut investiert, um damit dem Großteil der Läufer eine exakte Zeitmessung zu sichern?

Die kurze Frage: Was genau versteht man unter Dualstart?

Die folgende Antwort bedient beide. Vorab jedoch für die Neueinsteiger ins Laufgeschäft eine kurze Erläuterung der Begriffe.


Begriffsklärung: Eine Bruttozeitmessung misst die Zeit vom Startschuss bis zum Zieleinlauf. Dabei wird nicht berücksichtigt, wann der Läufer die Startlinie passiert, ab der „es eigentlich erst losgeht“. Das bedeutet, es wird nicht berücksichtigt, dass weiter hinten stehende  Starter einige oder sogar viele Sekunden verlieren, bis sie endlich die Startlinie erreichen, ab der ihre persönliche Zeit eigentlich erst loslaufen sollte. Je nach Länge der Schlange können hier jedoch 10, 20 oder noch mehr Sekunden vergangen sein, die dann ihrer Zielzeit draufaddiert werden.
Bei einer Nettozeitmessung hingegen läuft der Starter genau an der Startlinie über eine Messmatte, die für ihn seine individuelle Startzeit festhält. Im Ziel wird die Zielzeit dann mit dieser Startzeit abgeglichen und die Laufzeit korrekt errechnet. Streckenlänge und Laufbedingungen sind hier für alle annähernd gleich.  

Eine weitere Vorbemerkung: Ein Lauf mit offizieller Siegerehrung darf nach DLV Regeln nur nach Bruttozeit gewertet werden. Eine Nettozeit darf zusätzlich „angeboten“ werden, aber nicht zur offiziellen Wertung herangezogen werden. Grund dafür ist, dass die Chipzeitmessung von seiner technischen Konzeption her nicht für eine exakte Messung geeignet ist, sondern nur Messergebnisse liefert mit Abweichungen bis über 1 Sekunde. Im Rahmen dieses Streubereichs aber robust und zuverlässig.

Dritte und letzte Vorbemerkung: Wir bezweifeln in keiner Weise, dass eine Chip-basierte Nettozeitmessung wie oben beschrieben einen Mehrwert hat für alle Läufe, in denen die Startverzögerungszeit sehr hoch sein kann, z.B. mehr als 30 Sekunden (es gibt genügend solcher Läufe). Ist die Verzögerung kurz, also weniger als 10 Sekunden, so ist der Nutzen eher fraglich, weil die Nettozeitmessung die Startgelder deutlich erhöht. Die meisten Teilnehmer sind der Meinung, dass eine Genauigkeit von ein paar wenige Sekunden eine Startgelderhöhung um mehr als 50% nicht rechtfertigt.

Das Dualstartsystem des Hockenheimringlaufs gewährleistet jedoch, dass eben solche Verzögerungszeiten nicht auftreten können. Und deshalb die Nettozeitmessung für den Großteil der Läufer bedeutungslos bleibt. Und somit der Mehrwert des Mehrpreises der Nettozeitmessung (1 bis 2 Euro) angezweifelt werden muss.

In den vordersten Reihen eines jeden Startblocks stehen üblicherweise die engagierten und schnellen Läufer, denen es auf jede Sekunde ankommt. Für den normalen Freizeitsportler darf angenommen werden, dass er aus gutem Grunde nicht in den allerersten Reihen stehen wird, weil er sich „diesen Stress da vorne nicht antun will“. Er stellt sich deshalb ein paar Reihen weiter nach hinten. Glücklicherweise verhindern 2 Eigenschaften des Hockenheimringlaufs, dass es überhaupt viele Reihen im Starterblock gibt. Da ist zum einen die große Breite der Formel-1 Strecke. Hier passen bei etwa 20 Metern Bahnbreite 30 bis 35 Starter nebeneinander. D.h. in den ersten 5. Reihen stehen bereits rund 170 Starter, die nach spätestens 2 Sekunden die Startlinie hinter sich haben.

Zum anderen bedeutet „Hockenheimer Dualstart“, dass parallel an zwei Streckenteilen gestartet wird, die nach 700 Metern zusammengeführt werden. Somit verdoppelt sich der zuvor beschriebene Effekt, sodass nch spätestens 2 Sekunden rund 350 Starter das Feld passiert haben. Und nach spätestens 10 Sekunden hat bei 1400 Startern das gesamte Läuferfeld die Startlinie hinter sich (1400 Starter beim 10km Lauf war bisheriger Rekord).

Fazit? Natürlich lässt sich über die Frage trefflich streiten, wie stark die Läufer der hinteren Reihen darunter leiden, dass sie 5 oder 7 Sekunden eingebüßt haben gegenüber der Läuferelite der ersten Reihe. Und ob sie 1 bis 2 EURO zahlen wollen, um 5 oder 7 Sekunden ihrer Laufzeit gut geschrieben zu bekommen. Klare Antworten gibt es nicht. Indessen sind solche Überlegungen an der Leistungsklasse der ersten drei Reihen etwas vorbei gegangen, da sie so gut wie gar nichts gemerkt haben von den Brutto-/Netto Einflussgrößen.

Gleichwohl beobachten wir sehr aufmerksam das Thema Netto-Zeitmessung und die Erwartungshaltung unserer „Laufkundschaft“.  Als Veranstalter haben wir die Aufgabe, es allen oder zumindest der großen Mehrheit Recht machen zu müssen, was wir auch gerne machen. Unsere beiden Entscheidungstreiber sind dabei Läufer-Feedback zum einen und solide Argumente auf der anderen Seite. Bei der Bewertung könnten wir manchmal ein wenig ins Schwimmen kommen. Aber als Triathleten können wir auch dieses einigermaßen.  

Meinungen hierzu gerne an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!