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Ostseeman Triathlon 2017

Wellige Langdistanz an der Flensburger Förde

Schluss mit dem Gehetze nach guten Zeiten und Schluss mit den Quälereien gegen
hochmotitivierte Teilnehmer in pinken Kompressionssocken und der kompletten
Aero-Ausstattung. Einfach nur einen relativ gmütlichen Triathlon machen und den
Tag mit Sport verbringen – das waren die Hauptgründe für meine Anmeldung beim
Ostseeman 2017. Nebebei hat die Veranstaltung durchweg sehr gute Kritiken und
scheint beliebt bei den Triathleten, die nicht dringend Ironman oder Challenge auf der
Vita haben müssen.
Wie habe ich das ganze erlebt ?
Angereist bin ich mit Anita und Hund Fly schon 1 Woche vor dem Wettkampf –
abreisen werden wir auch erst in einer Woche. Es soll sich also schon lohnen, das wir
750km durch die Republik fahren und außerdem war ich niemals zuvor an der Ostsee
oder Nordsee. Mein nördlichster Aufenthalt also.

Als wir ankamen und unsere Ferienwohnung bezogen blickten wir auf die Ostsee
über eine wilde Wiese, auf der 3-4 Rehe grasten. Das soll nun unser ständiger
Ausblick sein. Absolut herrlich für Ruhesuchende und zum Entspannen bzw.
Abschalten vom verkehrsreichen und turbulenten Rhein Neckar Raum.
Begrüßt hat uns auch ein sehr starker Wind, den es bekanntermaßen hier öfter geben
soll. Aus Sorge wegen dem Triathlon fragte ich schnell unseren Vermieter ob der
starke Wind hier Standard ist – er verneint und meinte, es wäre heute besonders
starker Wind......käme vor, aber eher nicht so stark wie heute.
Nun gut, wir belassen es dabei und sammeln eigene Eindrücke.
Die Region an der Förde ist ein Abbild zum Kraichgau. Ständig geht es irgendwo
hoch oder runter – nur eben gemäßigter. Massig gut ausgebaute Radwege und
einsame Straßen zwischen den ohnehin mickrigen Dörfern ergeben eine himmlisch
rauhe Idylle. Zum Baden ist es uns im Wasser und auch von den Temperaturen her zu
frisch – das lassen wir also bleiben und ich teste lediglich 6 Tage vorm Triathlon den
Wassereinstieg und die Temperatur im Neoprenanzug. Ich habe 2 davon mit – einen
dickeren und einen flexibleren dünnen Neo. Sandiger Einstieg mit zahlreichen
kleinen Seesternen am Grund und hier und da etwas Meeressalat in Form von Algen.
Bei meinem kurzen Swim von 600m treffe ich vereinzelt noch 3-4 Quallen.
*Schüttel, Vibrier, Atemnot und Bäääh* - ich kann Geglibber nicht leiden und habe
da immer ein Ekel. Ich war kein Kind, das in Spanien die Quallen aus dem Meer
fischte und damit nach den Geschwistern oder Freunden warf – ich war der, der aus
dem Wasser ging.
Aber 3-4 Quallen alle 600m werde ich irgendwie überstehen. Die Schwimmform ist
übrigens ausgezeichnet und besser als die letzten 3-4 Jahre. Ich plane je nach den
Bedingungen mit 1:00 – 1:05 Stunden für den Part.
Als ich aus dem Wasser stieg bei 18 Grad Wassertemperatur steht da ein Schwimmer
im Surfshorty knietief im Wasser. Wir kommen ins Gespräch und zehn Minuten
später leihe ich einem Unbekannten Tage vor dem Triathlon meinen zweiten Neo für
sein Staffelschwimmen. Die Menschen hier sind echt top ! Sehr interessiert und
zugänglich. Von nordischer Kühle keine Spur.
Am nächsten Morgen (Dienstag) treffe ich mich mit Jan, einem coolen Typen, der mir
anbot die Radstrecke abzufahren. Das machen wir am einzig nicht windigen Tag.
Leichter Wind gilt hier als Windstill. Ich lerne viel über die Ansichten der hier
lebenden Menschen und ihre Einschätzungen. Ein langer Anstieg hat hier 500m –
eine gut rollende lange Gerade hat gerade mal 2km – und Wind hat es eh immer
…..darüber wird kaum gesprochen während ich denke, das es dagegen zu fahren ganz
schön hart ist. Die Strecke ist wunderschön und sehr abwechslungsreich. Leider
haben die schönsten Abschnitte genauso viel Kürze, wie die anstrengenden Teile.
Zudem geht es besonders auf den Abfahrten immer wieder um engere Kurven. Eine
gut funktionierende Schaltung ist hier sehr wichtig. Nirgendwo habe ich mehr
geschaltet als hier. Außerdem stellt sich heraus, das Jan ein echt professioneller
Streckenguide ist und alle Gefahren und Besonderheiten anspricht. Nach einem
Kaffee an der Glücksburger Promenade geht es zielgerichtet auf die letzten Tage bis
zum Start. Wieder erleben wir Tage mit knackigen Winden und Böen bis 80km/h. Am
Renntag soll das Wetter aber ganz gut sein – Regen vor dem Rennen bis 6 Uhr –
danach durchweg heiter mit vereinzelt leichten Schauern. Wind ist in lebhafter Form
angesagt. Vorweg – alle Vorhersagen bewahrheiten sich.
Ok, es ist soweit: Raceday
Mein nebeliger Kopf, den ich Freitag und Samstag noch hatte -mich an der Teilnahme
sogar etwas zweifeln ließ, verzog sich komplett und ich stand ohne jegliches
Tempotraining, ohne besonders lange Radeinheiten und mit 600 gelaufenen
Trainingskilometern ( 2017).....mit maximallänge von 23km, am Start des Ostseeman
2017.
Meine größte Sorge waren zugegeben, die Quallen die doch zahlreich durch den
Westwind am Samstag schon in der Glücksburger Bucht, eintrafen. Warmschwimmen
bei morgendlichen 14 Grad habe ich mir gespart. Um 7 Uhr startet der Triathlon mit
einem Landstart und alle rennen ins Wasser – ich verhalte mich vorsichtiger als sonst
und erlebe, was es heißt in the middle of the pack zu schwimmen. Was ein Chaos
mittendrin. Etliche Nichtschwimmer wabbeln und wackeln umher – null Orientierung
und überall plantscht und schäumt die See. Zur ersten Boje sind es 250m, dann
biegen wir rechts ab und wenige Meter später landen wir geschlossen in einem
Teppich voller Quallen. Jeder Armzug, jeder Beinschlag erwischt das Glibbertier und
ich bin am wabbeln und wackeln vor Ekel. Panisch schwimme ich quer durch die
Teilnehmer und suche nach einem Ausweg. Nach 30m war das geschafft und es
wurde sehr viel besser....was das Getier betrifft. Der Wind schickte uns hübsche
größere Wellen und so trieb nicht nur ich etwas vom Kurs ab – Egal, Hauptsache die
Quallen waren geschafft....obwohl ich wusste, das ich da nochmal durch soll. Dem
zweimal zu schwimmenden Rechteckkurs war dank *gggrrrrrrr*
Ich will die Sache nicht zu sehr ausmalen. Ich musste noch weitere zweimal durch
das für mich absolut eklige Quallenfeld. Beim letzten Quallenritt drehte ich mich auf
den Rücken und schwamm rückwärts über die Tierchen – so hatte ich wenigstens
keine im Gesicht. Nach mierablen 1:19 Stunden kam ich also mit Verspätung ala
Deutscher Bahn aus der Ostsee.
Aufgeheizt durch Adrenalin und Panikattacken fror ich bei den kühlen 14 Grad
Lufttemperatur erstmal nicht, zog mir dennoch komplett trockene Kleidung über.
Wechselte Hosen, trug zum Radfahren Unterhemd, Trikot und Socken. Das kostet
Zeit – aber was soll´s. Ich wollte einen entspannten Wettkampf....schon vergessen ?
Auf der Radstrecke wollte ich nicht überzocken in den ersten Runden und nahm mir
vor, darauf zu warten bis es von alleine schwerer wird. So kam es dann auch – die
ersten 4 von 6 Runden (a 30km) gingen alle ganz gut und gleichmäßig schnell.
Allerdings merkte ich schon auf der zweiten Runde, das es zum Ende sehr hart
werden wird. Die Kräfte schwanden zunehmend und so wurde Runde 5 und 6 gute 5-
6 Minuten langsamer. Angemerkt sein noch, das der neue Triathlon von Ironman in
Hamburg zahlreiche Teilnehmer genommen hat und das Feld übersichtlicher Größe
war. So war man eigentlich ständig fast alleine unterwegs und nicht wie in Roth oder
Frankfurt im Flow des Teilnehmerfelds – was die Radfahrt sehr individuell und
demnach anstrengender machte. 6:01 Stunden für den Radsplit über 180km ( 176
sagte der Gps Computer ) sind doch gut für einen gemütlichen Wettkampf denke ich
mir, während die Beine schon heftig jaulen und schmerzen.
In der Wechselzone ziehe ich mich wieder um und lasse das Unterhemd nun weg.
Auch den störenden Stein aus meinem Radschuh oder Socken will ich noch entfernen
– bis ich merke das der Socken einen großen blutigen Fleck aufweist. Ein 2,5cm
langer tiefer Schnitt im Fussballen kriege ich auf die Schnelle nicht entfernt. Das
muss wohl beim Gang durch die Ostsee bei Ein oder Austieg entstanden sein – keine
Ahnung. Nach dem Wettkampf will die Assistenzärztin den Schnitt nähen – ich
wollte lieber nur desinfizieren – gut das der Chefdoktor auch nur desinfizieren wollte
und es lieber so heilen lassen will.
Weiter zum Laufpart. Ich renne locker los, der Fuß piekst immer etwas, aber es ist gut
auszuhalten. Etwas eckig kommt mir mein Laufstil auf den ersten 3-4 Kilometern
vor. Dann komme ich rein und dazu ein gutes Gefühl, fühle mich leicht und die Arme
sind locker. Die ersten 2 von 5 Runden laufen gut und ich erahne, das mein einzig
gestecktes Ziel das kämpfen für eine Zeit unter 12 Stunden, nicht aussichtslos ist. Auf
der dritten Runde, spüre ich aber dann wieder die bereits total erledigten Beine und
die Gehpausen an den Versorgungen werden länger, während das laufen langsamer
wird. Bis hierher habe ich Iso und Wasser in Maßen getrunken ...auf der Laufstrecke
zudem noch kleine Salzbrezeln gegessen. Ab der vierten Runde und nicht früher trank
ich dann regelmäßig Cola und nahm sogar ein erstes Gel an den Versorgungspunkten.
Das putschte und ging ab der vierten Runde wieder so gut wie es nach über 10
Stunden gehen kann. Ich lief bis auf die Essen- und Trinkpausen durch und das nicht
mal so übel. Ich überholte fast nur noch und sammelte Läufer aus Staffel und Einzel
ein.
Die letzte Laufrunde brach an und ich hatte noch 70 Minuten Zeit für meine
Wunschzeit. Da die Runde nur 8,x km hat – ich mich immer noch gut fühlte, wusste
ich das ich es geschafft habe, den Tag zu genießen und trotzdem eine ordentliche
Leistung gebracht zu haben. So feierte ich mit den vielen Stimmungsmachern an der
Strecke und bedankte mich x Mal bei den tollen Helfern und Unterstützern.
Die Zieluhr zeigte 11 Stunden und 47 Minuten als ich happy, aber fertig über die
Finishline joggte.
Ein Tag und Triathlon auf den ich persönlich etwas stolz auf mich bin. Die Quallen,
der lebhafte Wind und die anspruchsvolle Laufstrecke habe ich mehr oder weniger
gut gemeistert und bin nun in meiner 7. Langdistanz unter 12 Stunden geblieben. Es
scheint, ich kann unter 11 nicht kommen, aber auch nicht über 12 !
Kann ich den Ostseeman empfehlen ? Auf jeden Fall genial sind die Helfer, die
Strecken, die Organisation, die Menschen und die Landschaft hier. Wenn die
Aussagen der Leute hier stimmen, das es solche Quallenorgien nie zuvor gegeben hat
( vereinzelt Quallen ja, sowas wie heute noch nicht ) und man die nächsten Male zur
qualligen Normalität zurück kommt, dann ist die dritte traditionelle Langdistanz in
Deutschland richtig hammermäßig und in der Summe mindestens auf Niveau von
Roth und Frankfurt.
So, das war mein langer Bericht zum Ostseeman, ein Triathlon der mir in sehr guter
Erinnerung bleiben wird und den ich als schwierigere Aufgabe im Sport empfand.

Ralph