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Frankfurt Marathon 25.10. 2015

Am letzten Sonntag im Oktober, am ersten Tag der Winterzeit,  findet traditionell der Frankfurt-Marathon statt, mein sportlicher Höhepunkt des Jahres. In diesem Jahr wird mein Meilenstein zudem mit drei spannenden Fragen aufgepeppt : Wird Arne Gabius den uralten Marathon Rekord von Jörg Peter in 2:08:47 h knacken können, schafft Lisa Hahner ein Comeback nach zweijähriger Marathonabstinenz und vor allem kann ich die Fabelzeit des Klaus A. von 3:26:35 h aus dem Jahr 2012 endlich unterbieten ? Zweimal bin ich daran schon knapp, andere sagen kläglich, gescheitert. Dass in diesem Jahr zusätzlich die Deutschen Marathon Meisterschaften innerhalb des Frankfurt Marathons ausgetragen werden, rückt dabei fast in den Hintergrund.

 

Die Vorbereitungen für den großen Tag waren umfangreich und intensiv. Bei den gemeinsamen Tempoläufen auf der alten B36 begriff ich warum man Klaus den Aua-Klaus nennt. Mit der Grausamkeit eines kongolesischen Warlords trieb er uns ohne Unterlass zu ständig neuen Trainingsrekorden. Doch so finde ich mich gut vorbereitet am 25.10.2015 um 7:00 Uhr an der Residenz Auer ein, wo Heiko S. und Harald S. unsere kleine Truppe komplettieren. Auf der , von einer Zeit raubenden Umleitung abgesehen, ereignislosen Fahrt in die Bembel-Metropole  schildert uns Heiko wortreich die Vorzüge des Leipziger Marathons mit den schönen Barganlagen und dem vortrefflich umgestalteten Dagebaugelände ,wobei er bei seinen Ausführungen gonsegwend die harden Gonsonanden vermeided.

In diesem Jahr können wir  leider keinen kostenlosen Parkplatz am Rebstockbad ergattern und werden von den zahlreichen Einweisern höflich , aber bestimmt in das ebenso riesige wie kostspielige Parkhaus geleitet. Dort treffen wir, einer alten Tradition folgend, mitten unter tausenden von Läufern auf Jung-Michael aus Neulussheim. Genauso aufgeregt wie in den vorangegangenen Jahren verkündet dieser, dass er überhaupt nicht fit sei und schildert mit großer Freude am Detail seine zahlreichen Gebrechen. Es grenzt an ein Wunder, dass er ohne fremde Hilfe stehen kann. Um einem läuferischen Desaster entgegenzusteuern achtete er am Vortag besonders auf eine kohlenhydratreiche Kost. Mit 800g Streuselkuchen, weiteren 800g Linseneintopf sowie 28 Maultaschen wähnt er sich energetisch auf der sicheren Seite.

Wir entern einen der bereitstehenden Pendelbusse und werden nach wenigen Minuten an der Messehalle abgesetzt. Um Startnummer und Kleiderbeutel brauchen wir uns nicht bemühen, die hat Klaus bereits am Vortag abgeholt. Wir nutzen die verbleibende Zeit bis zum Start für einen kleinen Erkundungsgang über die Marathonmesse, wo wir bald auf die unausbleiblichen Ketscher treffen. Nicole K. zeigt mir stolz ihre selbst getapte Achillessehne und ich kontere mit der Demonstration meines eigenen Klebewerks, das sich wie ein Maori-Tattoo mein linkes Bein hochschlängelt. Eine für den Außenstehenden gespenstische Szene spielt sich beim obligatorischen Toilettengang ab. So kurz vorm Startschuss haben sich vor den Toiletten riesige Schlangen gebildet wobei die aus dem Hygienebereich wieder Herausströmenden den noch Wartenden beständig zurufen :” Pinkeln ist frei! “ Es handelt sich dabei nicht um die Losung verschrobener Natursektfreunde sondern soll den Anstehenden lediglich signalisieren, dass zwar sämtliche Kabinen besetzt, einige Urinale jedoch frei sind.

 

Nun wird es Zeit die Kleiderbeutel abzugeben und zur Startaufstellung zu eilen. Zum allerersten Mal finde ich einen der offiziellen Zugänge zum Start, in den vergangenden Jahren kletterte ich irgendwann entnervt sowie Leib und Leben riskierend über den aufgestellten Zaun. Harald, Klaus und ich haben ein gemeinsames Ziel, die 3:30 h zu unterbieten und wir beschließen  solange wie möglich zusammen zu laufen. Heiko strebt die 3:40 h an und geht uns bereits vorm Start in der Masse verloren. Blankes Entsetzen greift nach mir, als sich meine sonst stets zuverlässige GPS-Uhr ausgerechnet jetzt weigert mit einem der emsigen Satelliten über uns in Kontakt zu treten. Bange Minuten verstreichen, schließlich erfolgt der Startschuss und meine Uhr beansprucht immer noch Bedenkzeit. Beim Überqueren der Startlinie plärrt uns Shakira ihr “Waka-Waka” an die Ohren, genau das Liedgut das mir im letzten Jahr auf der Ziellinie entgegenwehte. Ich verschwende keinen Gedanken, ob das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Omen ist und nehme ersatzweise meine urtümliche Aldi-Uhr in Betrieb. Klaus und Harald können mich ja mit ihren modernen Messgeräten auf dem Laufenden halten.
Klaus will es etwas langsamer angehen lassen und daher legen wir den ersten Kilometer in etwas mehr als fünf Minuten zurück. Nach neun Minuten hat sich meine GPS-Uhr mit der Winterzeit und den Hochhäusern abgefunden und meldet Betriebsbereitschaft. Für den Rest der Strecke habe ich heute also immer eine kleine Rechenaufgabe.

Ein Unbehagen macht sich in mir breit, denn ich finde das langsame Tempo mehr als ausreichend und ich rechne bereits mit einer Katastrophe bei km 30. Zu allem Elend spüre ich mein linkes Innenband seit Km 4 recht heftig. Innerlich plane ich schon einen Orthopädenbesuch. Ab Kilometer 6 ist das Band aber wieder friedlich. Bei Kilometer 10 holen wir den wegen geschickter Startaufstellung und wahnsinnigen Anfangstempos enteilten Heiko wieder ein, dabei verschärft sich unser Tempo fast unmerklich um einige Sekunden pro Kilometer und ich komme langsam in Fahrt. Bei Kilometer 14 kurz hinter der alten Brücke signalisiert ausgerechnet Warlord Klaus, dass ihm das zu schnell wird und wir losziehen sollten falls wir könnten. Von nun an laufe ich mit Harald allein im großen Feld.

Da er das ihn umgebende Läuferpeloton, wie einst Ajax das Heer der  Achäer, um Haupteslänge überragt, kann ich mich an ihm gut orientieren. Er hüpft voraus wie ein junger Springbock  und ich versuchte nach Möglichkeit dran zu bleiben.  Ich rechne fest damit, dass zwischen km 25 und 30 der Hammermann seinem Treiben ein Ende setzt und er schlurfend und mit hängenden Ohren ins Ziel schleichen muss. Aber Harald setzt unverwüstlich mit Riesenschritten seinen Sturmlauf fort. Irgendwo bei Niederrad tobt ein Anhänger der veganen Ernährung wie ein Derwisch durch das Feld und verkündet lauthals, dass vegane Ernährung Muskelkater verhindere. Besorgt, dass er uns zum Beweis einen Gemüsebratling ungefragt in den nach Atemluft schnappenden Mund schiebt, eilen wir weiter. Die Halbmarathonmarke bei “Zur Frankenfurt”  überschreiten wir mit 1:43:30 h, ich bin deutlich langsamer als im letzten Jahr. Eine Zeit unter 3:30 h ist aber durchaus noch erreichbar. Über der Straße ist ein lila Transparent gespannt mit der Aufschrift: “Hoffe und bete”. Wir durchlaufen Schwanheim, wo bei Kilometer 24 der lange Anstieg zur Mainbrücke sich uns entgegenstemmt. Dort überholt uns Sabrina Mockenhaupt, die zunächst 16 Kilometer in einer Staffel gelaufen war, nun einen Halbmarathon als flottes Training in geplanten 1:15 h läuft, um anschließend die Marathonstrecke mit einem lockeren Lauf in einer Benefiz-Staffel zu beenden. Ein ihr vorausfahrender Radler klingelt ihr die Strecke frei. Am nächsten Tag wird sie sich auf ihrer Facebookseite für die Drängelei entschuldigen.

Auf der anderen Mainseite stürmen wir in Höchst die Steigung hoch, angefeuert mit Blasmusik und “subbä, subbä “ Rufen. Nach einigen Kurven erreichen wir die Unterführung, in der mir 2011 die Puste ausging. Doch heute habe ich noch Luft und treibe Harald unbarmherzig vor mir her. Bei Kilometer 30 erreichen wir den  gefürchteten Streckenabschnitt “Mainzer Landstraße” . Die nächsten vier Kilometer sind  besonders selektiv. So manchen Athleten, der bei Km 15  hurtig vorpreschte, sieht man hier von Krämpfen gepackt am Wegesrand humpeln. Hier und da übergibt sich einer, extremere Fälle werden von den Sanis rasch beiseite geschafft . Ich komme jedoch immer besser ins Rennen. Zu meiner Überraschung kann ich mich von Harald absetzen. Die Zurückhaltung im ersten Viertel der Strecke zahlt sich nun aus. Obendrein kommt jetzt der letzte Streckenabschnitt mit den tobenden Zuschauermassen. Im letzten Jahr war ich auf diesem Teil der Strecke schwer angeschlagen und bewegte mich wie ein Zombie mit zwei Knetbeinen. Heute kann ich die kreischenden und trommelnden Zuschauer geniesen. Ausgerechnet auf den letzten sieben Kilometern, wo ich schon so oft auf dem Zahnfleisch ging, fliege ich förmlich über den Asphalt. Die Pace-Maker für 3:30 h habe ich bei Kilometer 32 längst überholt. Ich beginne meine Endzeit zu errechnen, eine 3:26 ist mittlerweile möglich. Die Strecke führt in wilden Windungen durch die Innenstadt, Opernplatz, Fressgass wehen an mir vorbei. Ich kann mein Tempo nochmals ein wenig steigern. Kilometer 41 ist erreicht, eine 3:25 ist möglich, die letze Kurve, wenige hundert Meter noch, genau bei Kilometer 42 der Abzweig in die Festhalle, die letzten 195 Meter liegen vor mir. Nur nicht nachlassen, nur keinen Krampf einfangen, der rote Teppich, die letzten 60 Meter, die Cheerleader, die Ziellinie, das hat geklappt ! - Hoffe ich jedenfalls, denn wegen des beschriebenen Uhrstreiks beim Start kann ich meine Nettozeit leider nur ungefähr bestimmen. Die Ungewissheit wird noch einige Zeit an mir nagen. Zwei bis drei Minuten gönne ich mir auf dem Boden sitzend um wieder zu Atem zu kommen. Es wird von den Ordnern darauf geachtet, dass in der Halle hinter der Ziellinie kein Stau entsteht, Härtefälle werden von den bereitstehenden Sanitätern weggetragen. Ich trolle mich freiwillig, nehme meine Medaille in Empfang und beeile mich mir eines der wärmenden Plastikmäntelchen überzustülpen, die an den Ausgängen der Festhalle gereicht werden.

Von der angebotenen Verpflegung kann ich wie üblich nur den Tee in Anspruch nehmen. Den jedoch genehmige ich mir gleich literweise. Nahrung in fester Form ist mir im Augenblick noch völlig zuwider. Nach wenigen Minuten entdecke ich Harald, der aussieht als habe er ein Medusenhaupt gesichtet.  Er hat das Ziel in neuer Bestzeit von 3:27 erreicht und nun möchte sein Kreislauf ein wenig versagen. Er zieht sich daher in eine stille Ecke zu seiner Restauration zurück. Mir wird kühl und ich begebe mich zur Kleiderbeutelausgabe. Frisch eingekleidet und warm verpackt treffe ich auf einen mit seinen 3:42 h hochzufriedenen Heiko. Er blaudert und gestiguliert als habe er nur einen kurzen Sonntagsspaziergang hinter sich. Bald gesellt sich Klaus zu uns, der wie ein japanisches Kernkraftwerk strahlt. Bei Halbmarathon war im klar, dass das heute nicht sein Tag wird, hat sein Tempo reduziert und sich auf “heil ankommen” und “gut verpflegen” konzentriert. Nur 3:44 h hat er dazu gebraucht. Harald taucht auf, deutlich lebendiger wirkend als noch vor einer halben Stunde. Über Klausens WhatsApp-Präsenz erfahre ich endlich meine Zeit, es hat zur 3:25 gereicht, juchhu ! Wir warten noch einige Zeit auf Jung-Michael, doch er taucht nicht mehr auf. Beim Blick in die Ergebnisliste am nächsten Tag erfahre ich, dass er nach flottem Beginn offensichtlich einen herben Einbruch erleben musste. Ich hoffe, dass keines seiner Gebrechen ihn ausbremste und er sich nur am Vortag die Maultaschen zu sehr gefüllt hatte.

 

 



Michael Ritter            04:17:54 h
Ullrich Schreckhase  04:17:29 h     ( erst in der Ergebnisliste entdeckt )
Klaus Auer                03:44:34 h
Heiko Starke             03:42:19 h
Harald Stockert         03:27:49 h
Michael Karle            03:25:37 h

Nachtrag: Klaus hat bereits seine Bereitschaft zur Teilnahme am Frankfurt-Marathon 2016 signalisiert. Die Überschrift im nächsten Jahr wird daher vermutlich lauten:

2016 - Die Rückkehr des Warlords.