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8.Ettlinger SWE Halbmarathon

Deifi, Deifi

„läuft jemand Ettlingen?“ Zappelte neulich eine Nachricht mysteriös in meinem elektronischen Briefkasten. Von so viel lakonischer Kürze neugierig gemacht, bat ich Ute A., die Absenderin der geheimnisvollen Botschaft, um weitere Informationen. Der darauf  folgende Mailverkehr brachte zu Tage, dass am 22.8.2015 um 17:00 Uhr zum achten Mal der Ettlinger Halbmarathon stattfindet. Der Lauf biete in einer herrlichen Landschaft einige Höhenmeter, ergänzte Ute sibyllenhaft. Bekanntlich pflegt sie eine fatale amour fou zur Vertikalen und so hätte mich dieser Zusatz eigentlich misstrauisch machen sollen. Eine verhängnisvolle Phantasielosigkeit hieß mich dem Unternehmen zuzusagen, wollte ich doch eh einen langen Lauf am Wochenende bestreiten und in Gesellschaft läuft es sich allemal besser. Der Höhenunterschied sollte mir als Entschuldigung dienen für die bescheidene Zeit, die dich mit meinem ebenso bescheidenen Trainingszustand erzielen könnte. Mit weiser Mäßigung und ohne jede Hast wollte ich die Strecke bewältigen. Freudig und erwartungsfroh verkündeten schließlich auch  noch Conny L. und Adam B. ihre Teilnahme am Lauf.

 

Pünktlich um 15:00 Uhr treffen wir bei hochsommerlichen Temperaturen am traditionellen Treffpunkt  „Hoggemer Bahnhof“ ein, wo sich ebenso die allgegenwärtigen Ketscher versammeln . Unter den zahlreichen Enderle-Läufern sticht der Neo-Ketscher Gunter mit einem dick verbundenen Ohr hervor. Letzteres wollte er sich nicht wie einst van Gogh in einem Anfall von Wahnsinn abschneiden, vielmehr unterlief ihm bei der routinemäßigen Bändigung seiner Haartracht ein blutiges Missgeschick. Nachdem wir alle Gunter ausgiebig bedauert sowie medizinisch beraten haben, besteigen wir unsere Karossen und kutschieren nach Ettlingen, was uns trotz der Zickigkeit des Navigationsgerätes fast auf Anhieb gelingt. Ettlingen verfügt übrigens über eine schöne Altstadt und ich merke mir insgeheim den nächstjährigen Altstadtlauf als Wettkampf vor.

Es erwartet uns ein erfreulich weitläufiges Gelände am Horbachpark mit Parkplätzen in großer Zahl. Bei der Nachmeldung im Albert-Magnus-Gymnasium erhalten wir einen Stoffbeutel samt großem Badetuch und Duschgel. Wozu die Angabe der T-Shirt Größe  bei der Anmeldung dienen soll, kann sich keiner erklären. Vermutlich versendet man nach der Veranstaltung Trikots per E-Mail. Adam erhält die diabolisch anmutende Nummer „666“. Passend dazu zeigt das Thermometer höllische 28 Grad im Schatten. Zwar unterhält der veranstaltende Ettlinger SSV alle drei Kilometer Wasserstellen, doch ist auch persönliche Vorsorge gefragt. Ich beschließe im Adamskostüm zu laufen, was in diesem Fall bedeutet, dass ich mir, wie Adam das so oft macht, einen Buff nach Piratenart aufs Haupt drapiere. Leider war ich bei der Farbauswahl meiner Seeräubermütze etwas zu farbenfroh gestimmt und so werde ich rasch als Rotkäppchen betitelt, vom wilden Freibeuter bin ich optisch jedenfalls weit entfernt. Aber wir sind ja zum Laufen hier her gekommen und nicht zum Casting für den roten Korsar. Wartet nur, Rotkäppchen wird rennen, dass es dem bösen Wolf den Magen umdreht. Doch ich will heute ja nur einen langen langsamen Lauf in einer idyllischen Landschaft  hinter mich bringen, flüstert mir die weise Mäßigung ins Ohr. Letzterer folgend verzichte ich auf jede Form des Warmmachens,

der erste Streckenabschnitt führt flach durch den Horbachpark und soll mich auf Betriebstemperatur bringen. An der folgenden Steigung werde ich Gehpausen einlegen, im Mittelteil des Parcours möchte ich ein wenig flotter traben und bei der Gefällstrecke im Schongang zu Tal gleiten, so schmiede ich mir einen Masterplan zurecht.

Bei der Startaufstellung halte ich mich dezent im hinteren Mittelfeld, einmal mehr der weisen Mäßigung gehorchend. Der Startschuss fällt, das Feld trabt los. Enge verwinkelte Wege führen uns aus dem Horbachpark . Meine Uhr zeigt eine gemäßigte Pace von 5:40 Minuten pro Kilometer an. Noch sind wir auf dem fast ebenen Teil der Wettkampfstrecke und meine Beine fühlen sich schon zentnerschwer an. Dann geht es den Berg hoch, 380 Höhenmeter hat man uns in Aussicht gestellt und das am Start aushängende Höhenprofil hat in mir den Eindruck erweckt, dass wir das Matterhorn auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder runter laufen werden. 9-11 % Steigung verzeichnet dieser Anstieg. 9-11 % das klingt nach einem Glas lieblichen und leichten Weißwein, den der Küchenchef zum gebeizten Saibling empfiehlt. Als Maßzahl für eine Schräge entspricht diese Größenordnung einem Fass Brennspiritus. Prost Mahlzeit. „Watzmann, Watzmann Schicksalsberg, du bist so hoch und I nur a Zwerg !„ schallt es in meinem Ohr.

Kurz vor Kilometer drei kann ich Bergfex Gunter vor mir ausmachen, mit seinem Firefighter T-Shirt verweist er dezent auf seine Tätigkeit als Feierdeifi. Beim Überholen winke ich ihm fröhlich zu. Doch als ich bei der kurz darauf folgenden ersten Verpflegungsstation mir einen Becher Wasser auf die Mütze gieße, hat der sich einen satten Vorsprung von  vielleicht 12 Metern erlaufen. Ich versuche dran zu bleiben, will ich doch bei ihm, dem erfahrenen Bergläufer ,abschauen wo man am Hang besser Gehpausen einlegt. Doch Gunter läuft, als sei der Teufel in ihn gefahren. Ausgerechnet jetzt überholt mich auch noch Lars Kegler aus Speyer in Feuerwehruniform. Er absolviert hier einen letzten Testlauf vor seinem Weltrekordversuch am 20.9. in Karlsruhe. Dabei geht es darum in voller Feuerwehruniform, also mit Helm, Stiefeln usw. den Halbmarathon unter 2:00:41 Stunden zu laufen. Ich drücke ihm die Daumen.

Nach fünf Kilometern haben wir den steilsten Abschnitt hinter uns gebracht, wir verlassen die bis dahin schattigen Waldwege und auf einer Art beständig ansteigenden, sonnengefluteten Hochebene geht es durch die Ortschaft Spessart, wo die Eingeborenen uns mit dem bekannten Lied „Auf,  Ihr Brieder in die Palz“ in Empfang nehmen, was ich  hier im Nord-Schwarzwald als recht schrullig empfinde. Es herrscht ein Mords-Remmidemmi auf den zu durchlaufenden Straßen. Vuvuzelas dröhnen, immer wieder sind privat betriebene inoffizielle Getränkestellen aufgebaut und noch besser, man hat an der Strecke sämtliche im Ort verfügbaren Gartenduschen, Sprenkler und Wasserschläuche montiert, von denen ich  nur zu gerne Gebrauch mache.

Im folgenden Schöllbronn bietet sich ein ähnliches Bild und Gunters Vorsprung schrumpft beständig. Kurz vor Kilometer 9 kann ich ihn überholen mit dem Hintergedanken, dass er vermutlich bei dem  Abstieg nach Oberweier mich kalt lächelnd überholen wird. Bergab ist er, wie man weiß, schneller als der freie Fall. Aber anscheinend setzt ihm die Hitze mehr zu als mir. In Schluttenbach ist noch einmal ein giftiger Anstieg zu bewältigen, ich lege eine kurze Gehpause ein, irgendwo klingt es nach Alphorn. Bei Kilometer zehn erreichen wir wieder den Wald und der Weg führt steil bergab. Urplötzlich schießt Adam an mir vorbei, wo zum Teufel kommt der auf einmal her ? Wie ein pyroklastischer Strom donnert er unaufhaltsam zu Tal. Der Schotterbelag scheint ihn eher zu beflügeln als zu bremsen. Ich wage es nicht mit ihm Schritt zu halten. Bei einer ähnlichen Gelegenheit verkeilte sich vor wenigen Jahren eine meiner Bandscheiben mit dem Ischiasnerv und es folgte über zwei Jahre teilweise peinvoller Schmerz.  Erst Hardelix, der weise ASG-Druide, konnte mir mittels eines Zaubertrankes, von dem man nur weiß, dass er keine Misteln enthält, wieder auf die Beine helfen. Ich folge dem rasenden Teufelsbraten daher mit respektvollem Abstand und angezogener Handbremse hinunter in die Ebene. Die weise Mäßigung hält mich kühl im Griff. Ich nehme mir aber fest vor dort unten im Flachland nochmals an ihn heranzulaufen. Nach einigen Kilometern verliert der Weg an Profil und ich kann ihn einholen. Dann in Oberweier an der Wasserstelle bei Kilometer fünfzehn bleibt Adam völlig überraschend stehen, die Hitze hat zugeschlagen, er taumelt wie 1974 George Foreman in Kinshasa. Ich werfe meine weise Mäßigung in den bereitstehenden Wasserbottich und gebe mir die Sporen. Beständig schiebe ich mich von nun an in der Platzierung nach vorn.

Der Rest der Strecke weist nur noch ein gemäßigtes Auf und Ab vor. Die winzige Beule am Ende des am Start ausgehängten Streckenprofils kostet mich allerdings auf jedem Kilometer geschätzte zwanzig Sekunden. Der Ketscher Feierdeifi kann mich dennoch nicht mehr einholen. Am Buchziger See entlang geht es durch Bruchhausen, wo eine Fünfjährige schallendes Gelächter erntet, weil sie die Läufer laut mit „Hüh!“ anfeuert. Wir passieren Ettlingenweier, jetzt trennt uns nur noch eine  letzte, teils schattige Gerade vor dem Abzweig zum Ziel. Wenige hundert Meter vor dieser Abzweigung überhole ich einen jungen Mann, der mich wegen seines Körperbaus und seiner Frisur an einen Wikinger denken lässt. Doch kaum habe ich mich zwei Meter von ihm abgesetzt brüllt dieser mit Stentorstimme irgendetwas, was so ähnlich klingt wie: „ Äääääääännndschbuaaaddd !!!“ sowie  „UAUAUAUAaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa“, als wolle er Lindisfarne im Alleingang brandschatzen und eilt mit unwiderstehlichem Schritt davon. Ich gönne ihm den Sieg im Spurt und tröste mich mit der Gewissheit, dass mir in seinem Alter kein Mittfünfziger bei einem Halbmarathon so dicht auf die Pelle gerückt wäre. Meine weise Mäßigung hat mich wieder eingeholt. Mit 1:46:54 überquere ich zugegeben etwas derangiert, aber äußerst zufrieden die Ziellinie. Gunter folgt in 1:50:38 und biegt gleich danach ab ins  Sanitätszelt, um dort sein Ohr frisch wickeln zu lassen. Adam erreicht das Ziel in 1:51:49 mit hochrotem Kopf und Augen, die aus ihren Höhlen hervorquellen wie die von  Marty Feldman. Er verschwindet eilig in den sanitären Katakomben und ruft mir, da er einen längeren Zwangsaufenthalt dort zu befürchten scheint, verzweifelt zu :“ Cholst du mir bitte ein Bierr ?“. Nach 2:06:36 h überschreitet Ute mit einem Sonnenscheinlächeln die Finishline. Sie hat es mit dem dritten Platz in ihrer Altersklasse einmal mehr auf das Siegerpodest geschafft. Conny komplettiert unser Team nach 2:10:34 h in Bestlaune und so klitschnass vom ausgiebigen Nutzen der bereitgestellten Sprenkler, dass ich mehrfach den Gedanken niederringen muss, sie habe die Strecke abgekürzt indem sie durch den Buchzigsee geschwommen ist.