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36. Mainova Frankfurt Marathon 29.10.2017

Marathon ist einfach ein Scheiß-Hobby

Es ist Sonntag der 29.10. 2017 5:00 Uhr MEZ , mein Radiowecker trompetet mich lautstark aus meinem unruhigen Halbschlaf. Schwergliedrig kämpfe ich mich aus den Federn und hadere mit meinem Schicksal. Heute ist nicht nur der Tag der Zeitumstellung, heute findet auch der große Frankfurt-Marathon statt ! Ach wäre ich doch nur Briefmarkensammler geworden, ich könnte noch stundenlang im Bett lümmeln und gegen zehn, elf Uhr mal gemütlich in meinen Alben blättern. So aber biege ich meine müden Knochen in eine brauchbare Länge,  verabreiche mir  ein spartanisches Frühstück und eile im Anschluss, einer alten Tradition folgend, zur Residenz Auer, dem vereinbarten ASG-Treffpunkt. In diesem Jahr bilden wir eine richtige Karawane, außer mir wollen Bernd und Conny L., Ute A. und Claudia B. , Heiko S und Christian K. , natürlich der Aua-Klaus und last but not least Silke E. , die einen ebenso zahlreichen wie begeisterten Fanclub im Gefolge mit sich führt, den Klassiker in Frankfurt laufen. Die Wettervorhersage ist nicht schlecht, sie ist vielmehr verheerend und so mancher wird die unglückliche Roberta M., die wegen einer Erkältung leider passen muss, klammheimlich ein wenig beneiden.

Mit drei Fahrzeugen machen wir uns auf den Weg zur Banken und Bembel Metropole, Regenfälle biblischen Ausmaßes verheißen uns Übles. Das ein oder andere Fahrzeug vor uns hat es bereits aus der Fahrbahn getragen. Dennoch erreichen wir das gigantische Parkhaus am Rebstockbad wohlbehalten und mit einem komfortablen Zeitpolster bis zum Start. Der Schüttelbus (engl. shuttle ) bugsiert uns ohne Verzug ins Messezentrum, wo wir unsere Startunterlagen in Empfang nehmen können. Es geht hier zu wie in einem Ameisenhaufen, alle rennen aufgeregt umher, letzte Ummeldungen müssen getätigt, ein Energiewundergel käuflich erworben, ein Ersatz für den gerissenen Schnürsenkel beschafft und die Mitstreiter aufmerksam beäugt werden. Traditionsgemäß treffen wir dort mitten im babylonischen Sprachgewirr unter gefühlt Millionen von Läufern die unvermeidlichen Ketscher.j


Mein obligatorischer Toilettengang zieht sich wegen des hohen Andrangs nervöser Läufer mit Blasendruck in ungekannte Länge und ich muss mich beeilen rechtzeitig zur Startaufstellung zu gelangen. Dort angekommen kann ich zusammen mit 14500 weiteren Marathonis den ersten Sieg des Tages feiern. Wer hier im Peloton steht, hat bereits erfolgreich einen Marathon hinter sich gebracht. Viele Stunden Training und Anstrengung bei Wind und Wetter sind bewältigt, kleinere und größere Blessuren, körperlich wie seelisch, ausgeheilt und durchgestanden, Zweifel an und Argwohn gegenüber der eigenen Leistungsfähigkeit niedergerungen. Es regnet nicht mehr, nur gelegentlich peitscht ein eiskalter Windstoß durch die Menge. Ich bin froh, dass wir so dicht beisammen stehen. Ein vom Veranstalter bestellter Schreihals bemüht sich darum Ballermannstimmung aufkommen zu lassen. Wir sollen die Hände hochnehmen und auf Kommando klatschen, hüpfen und sonstige Dämlichkeiten zum Besten geben. Ich mache fleißig mit und rede mir ein, dass diese Albernheiten einen guten Ersatz für das wegen Platzmangel nicht mögliche Einlaufen bieten. Dazu dröhnt in der Lautstärke eines Hubschraubergeschwaders das zweifelhafte Liedgut von Dr. Alban und Shakira durch die riesigen Lautsprecher. Weit über uns rattert ein Helikopter. Als ich zur Peilung der Wetterlage  hoch in den Himmel schaue, stelle ich fest, dass ich mich direkt unter dem Frankfurter „Hammering Man“ befinde. Mein Blick schweift zum Absperrgitter meines Startblocks und ich sehe einen finster blickenden Schwarzgekleideten mit einem riesigen schwarzen Hammer in Händen. Der Hammermann ! Ein böses Omen ? Ein Tusch ertönt und mit Überlautstärke schallt „Samba de Janeiro“ aus den Lautsprechern, bläst die dunklen Vorahnungen aus meinem Kopf. Ich schäle mich umständlich aus der großenblauen Mülltüte, die ich mir mit drei Einrissen für Kopf und Arme zu einem wärmenden Windschutzkleid umgebaut habe.

Endlich der Countdown, der Startschuss fällt. Schleichend langsam setzt sich das Feld in Bewegung, ich drücke den Auslöser meiner Stoppuhr. Nach einer gefühlten Ewigkeit überquere ich die Startlinie und versuche möglichst rasch meine Renngeschwindigkeit zu erreichen. Meine hochmoderne GPS-Uhr leistet mir dabei keinerlei Hilfe, sie oszilliert beständig zwischen viel zu langsam und Schallgeschwindigkeit, ich muss mich auf mein Laufgefühl verlassen. Wir werden zunächst in einem wilden Zickzackkurs durch die Frankfurter City gelotst. Bei km 3 wir sind wieder gegenüber dem Messezentrum, trotz der unfreundlichen Wetterlage haben sich zahlreiche Zuschauer eingefunden. Starke Böen lassen den Laufrhythmus immer wieder ins Stocken geraten. Weit vor mir kann ich Jungspund Christian ausmachen. Er wird mir für jedes Lebensjahr das ich ihm voraus habe satte 30 Sekunden abnehmen. Meine GPS Uhr spielt verrückt. Am Opernplatz steppt der Bär, Hauptwache, Börse, ich streife meine Armlinge von den Oberarmen und sehe für den Rest des Rennens aus wie Popeye mit Ärmelschonern. Ab Kilometer 12 verspüre ich Hunger. Das ist angeblich ein Indiz für einen sinkenden Blutzuckerspiegel und ist auf jeden Fall nicht gut. Ich hoffe auf Energiegels, die hoffentlich wie 2015 an der Verpflegungsstation bei Kilometer 15 gereicht werden. Kilometer 13, wir überqueren den Main nach Sachsenhausen. Dort kann ich die ersten Aussteiger beobachten. Vermutlich zwingt eine Verletzung die Bedauernswerten zum Gehen, für eine nachhaltige Erschöpfung ist das Rennen noch zu jung, noch.

Endlich erreichen wir die herbeigesehnte Verpflegung am Kilometer 15, blankes Entsetzen ergreift mich, kein Energiegel weit und breit. In meiner Not greife ich zu einer geschälten halben Banane und zuzle den gebogenen Energieträger wie eine Weißwurst. Ein fataler Fehler ! Als Vegetarier ungeübt im Bajuwarischen Wurstverzehr bleibt mir ein großes Stück der süßen Frucht am Gaumen kleben, just an der Stelle, an der der Würgereiz ausgelöst wird. Für die nächsten Kilometer biete ich einen ausgesprochen unästhetischen Anblick, wechselweise hustend und würgend, pruste ich mich durch Niederrad und denke mehr als einmal daran auszusteigen. Bei Kilometer 20 kann ich schließlich die klebrige Kost von der Atem in die Speiseröhre verschieben und nehme wieder Fahrt auf. Halbmarathon ist erreicht, die Zeit ist gut, wenn nur die Beine heute nicht schon so schwer wären. Mir kommt wieder der Hammermann vom Start in den Sinn. An der nächsten Versorgungsstelle gibt es die ersehnten Gels, doch ich nehme das spät wahr und laufe zu weit von den Tischen entfernt um zugreifen zu können. Mist ! Weiter durch Schwanheim geht es bei Kilometer 24 wieder über den Main. Auf der Schwanheimer Brücke weht ein ekelhaft kalter Wind und es beginnt ganz leicht zu tröpfeln. Läuft !

Zu meiner großen Freude aber kann ich an der nächsten Verpflegungsstelle bei Kilometer 25 einen Beutel mit dem herbeigesehnten Energiegel mit der einen Hand greifen, einen Becher mit Wasser in der anderen versuche ich auf den folgenden 50 Metern im Laufschritt den Beutel aufzureißen und dessen Inhalt in den Becher mit Wasser zu kippen. Pur möchte ich den klebrigen Chemiesud meinem Magen nicht zumuten. Mein Bemühen ist leider zum Scheitern verurteilt, denn in der Eile versuche ich den Beutel an einer nicht dafür vorgesehenen Stelle zu enthaupten. In meiner Not mache ich den größten Fehler überhaupt und bleibe abrupt stehen. Sofort werde ich vehement von hinten anrempelt. Die Pendelwirkung dieses Stoßes lässt nun aber die am widerspenstigen Beutel ziehenden Kräfte gehörig anschwellen, das Ding reißt und ein großer Schwall giftiggelber Pampe spritzt mir über Hände und die Oberschenkel. Den kümmerlichen Rest im Beutel kann ich zum Glück  in den bereitgehaltenen Wasserbecher retten. Meine Hände fühlen sich wie in Pattex gebadet an. Ein kräftiger Schluck und weiter geht’s zum westlichsten Punkt der Strecke in Höchst. Musikkapellen und fröhliche Zuschauer erleichtern den sanften Anstieg. Hier und auch im folgenden Stadtteil Nied ist die Stimmung immer gut. Aber schon naht Kilometer 30 und der vier Kilometer lange kerzengerade Abschnitt auf der Mainzer Landstraße, der jedes Jahr eine unerbittliche Auslese unter den Laufenden trifft. Dort streckt der Hammermann die Trainingsfaulen und die Vorwitzigen, die zu schnell angegangen sind erbarmungslos nieder. Heute hat er mit den eiskalten Windböen, die immer wieder über die Strecke fegen, auch noch kräftige Helfer. Das Feld wird ausgedünnt, immer öfter muss der ein oder andere eine Gehpause einlegen, so mancher wird von Krämpfen gar zum unfreiwilligen Halt gezwungen. Wird mich der Wüterich diesmal verschonen?

In der Zwischenzeit finden hinter mir spannende Positionskämpfe statt. Silke will aus dem letzten Block heraus eine neue Bestzeit laufen und treibt ihren Hasen Klaus unbarmherzig an, wobei der Ausdruck Hase im Sinne von Schrittmacher zu verstehen ist. Bald sind die zehn Minuten früher in der ersten Welle gestarteten ASGler eingeholt. Bei Halbmarathon erscheint eine 4:10 machbar, sie hat schon zwei, bei Kilometer 25 sogar drei Minuten Vorsprung auf die ASG-Routiniers Claudia, Ute und Conny. Dazu kommen noch die zehn Minuten, die sie später gestartet ist. Nestor Bernd sichert das Feld mit einigen Minuten Abstand nach hinten ab. Silke behält ihre Führung bis nach Nied, doch auf der Mainzer Landstraße begegnet sie dem unerbittlichen Hammermann.

In Unkenntnis dieser dramatischen Ereignisse laufe ich den Verpflegungstand am Kilometer 32 an, greife mir elegant einen Becher Wasser sowie einen Beutel der begehrten Energiegels. Im vollen Galopp beiße ich geschickt den Gelbeutel auf, welcher daraufhin einen guten Teil seines Inhalts über meine Brille speit. Ich leere meinen Becher und beschließe für den Rest des Rennens auf jegliche Nahrungsaufnahme zu verzichten. Beständig fegen uns heftige Böen entgegen. Ich versuche in den Windschatten von Mitläufern zu kommen, muss aber feststellen, dass mein auserkorener  Windschutz gerade dabei ist in ein Formloch zu fallen. Ich mache also  einen Ausfallschritt  zur Seite und stürme vorwärts ! Kilometer 34, das Gallusviertel ist erreicht. Kilometer 35, die Beine fühlen sich ein wenig schwach an, von einem bevorstehenden Einbruch ist aber nichts zu ahnen. Ich sehe die Messehalle von hinten, jetzt führt die Strecke nochmal kurz auf die Mainzer Landstraße. Am Platz der Republik steppt der Bär ! Kilometer 37 ist geschafft. Nur noch etwas mehr als fünf Kilometer . Das entspricht der Entfernung vom HSV zur Hardtwaldsiedlung in Ofdersche ! Vorbei am Opernplatz, die Zuschauer toben und treiben uns Läufer zu Höchstleistungen, es geht durch das Bankenviertel. Ich spüre, dass meine Laufgeschwindigkeit beständig abnimmt und versuche verzweifelt dagegen zu halten. Eisiger Wind klatscht mir ins Gesicht. Dann das gefürchtete Kopfsteinpflaster in der Freßgass, hier schlurfen viele Geher mit geplatzter Traumzeit dem Ziel entgegen. Nur nicht umknicken so kurz vorm Ziel. Kilometer 40, ein bösartiger Krampf im linken Fuß kündigt sich an, ich laufe einfach weiter. Kilometer 41, der Krampf hat zugeschlagen. Ich laufe unbeirrt weiter auf den Hammering Man am Messeturm zu, nun aber mit einem deutlich grobschlächtigeren Laufstil. Kilometer 42, die letzte Kurve, der Hallenvorplatz, die Beine schmerzen, ich ringe nach Atemluft, nur nicht nachlassen. Eine böse Zunge wird später behaupten ich sei wegen meines geringen Gewichtes ohne jede eigene  Anstrengung vom Wind über die Strecke in die Messehalle geweht worden. Dieser boshaften Zunge möchte ich heftig widersprechen. Im Gegenteil, ich muss mich erheblich anstrengen um nicht vom Wind noch vor dem Halleneingang weggetragen zu werden. Dann laufe ich in Frankfurts „Gudd Stubb“ auf dem berühmten roten Teppich ein. Konfettiregen und  hämmernde Rhythmen untermalen mein Finale. Cheerleader winken mit ihren Pompoms, der Sprecher vom Hessischen Rundfunk hält mir die Hand zum Abklatschen entgegen, „Willkommen zurück in Frankfurt, Michael!“ tönt es durch den Saal. Marathon ist einfach g…. gut !

Einer alten Tradition folgend, lasse ich mich kurz hinter der Ziellinie erst mal auf den Boden plumpsen um wieder zu Atem zu kommen. 3:26:11 ist meine Zeit. Im zweiten Abschnitt war ich nur 58 Sekunden langsamer als im ersten. Das ist doch ordentlich.42 Kilometer können  ungemein anstrengend sein. Bevor mich ein Sanitäter fragt, ob bei mir alles in Ordnung sei, rappele ich mich auf und stakse mit steifen Beinen weiter zum leider im Freien liegenden Zielverpflegungsbereich. Würde mich jetzt eine Stubenfliege anrempeln, könnte mich das zu Fall bringen. Mit einer schweren Finisher-Medaille behangen und fest in einen wärmenden Plastikponcho verschnürt mache ich mich über den heißen Tee her. Nur eine Talsperre kann mehr Flüssigkeit aufnehmen. Ich treffe Christian, der mit einer 3:16 einen neuen persönlichen Rekord geschafft hat. Das schlechte Wetter verhindert, dass wir die opulenten Verpflegungstische kahl fräsen, sondern stattdessen mit Bananen und alkoholfreiem Bier bewaffnet, uns in die warme Halle zur Kleiderbeutelausgabe aufmachen. Wir nisten uns taktisch klug hinter dem Krombacher Stand ein, wo wir uns ohne Unterlass mit alkohofreiem Weizen, Pils oder Radler eindecken können. Zumindest wenn wir es schaffen uns vom Boden hochzuquälen und zur Getränkeausgabe zu schleppen. Bald findet sich Heiko (3:51) ein und demonstriert wie man sich nach einem langen anstrengenden Rennen mit einfachsten Mitteln wieder frisch tunen kann. Ich wäre nicht übermäßig erstaunt, wenn er aus seiner tiefgründigen Sporttasche plötzlich noch eine Gartendusche hervorkramen würde. Christian ermittelt derweil mittels modernster Mobilfunktechnik den aktuellen Stand des Rennverlaufs.

Schon bald nach Kilometer 30 haben Claudia, Ute und Conny die angeschlagene Silke samt Hasen Klaus wieder eingeholt und es wird für den Rest des Laufs ein ASG-Peloton gebildet. Eine besondere Stärkung erfährt die Gruppe am außerprotokollarischen Bouillonstand der Ketscher. Frisch gelabt und mit vereinten Kräften wird das Bankenviertel und die Fressgass auch noch überwältigt, Silke schnappt sich ihre neue Bestzeit mit 4:31 und es kommt zu einem frenetisch gefeierten Hand in Hand Einlauf des Quintetts. Als die Truppe müde aber erfolgreich bei uns hinter dem Krombacher Stand eintrifft, möchte ich mich zum gegenseitigen gratulieren aus meiner Sitzposition hochschrauben und scheitere kläglich. Das bei Kilometer 25 auf meine Oberschenkel gekleckerte Gel hat in der Zwischenzeit meine Trainingshose fest mit meinen Knien zusammenzementiert. Bald werden wir mit Bernd komplettiert und machen uns auf zum gemeinsamen Rücksturz nach Hoggene.

 

 

Bernd L.          4:46:03

Conny L.         4:37:27

Claudia B.       4:37:27

Ute A.            4:37:27

Silke E.          4:31:42

Klaus A.         4:31:42

Heiko S.         3:51:29

Michael K.      3:26:11

Christian K.    3:16:04                   

 

                                                                                                                                                   MK