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Achim Sprotte beim K47 Swissalpine Marathon. 47,2 km, 1750 hm

 "Der höchstgelegene Bergmarathon Europas führt durch vier alpine Täler (Dischma, Val Funtauna, Val Sartiv, Sertig) sowie über die hochalpinen Scaletta- und Sertigpässe. Der wohl anspruchsvollste Marathon der Alpen."

So beschreibt der Veranstalter den Bergmarathon, der dieses Jahr in einem neuen Format und 5km länger, angepriesen wird. Da ich eh auf der Suche nach einer neuen Bergmarathon Herausforderung war, hatte ich mich schnell entschlossen für die 47,2km angemeldet.

Am Freitag ging es dann, pünktlich zum Ferienstart, mit gefühlt 5 Mio. Baden-Württembergern und 30 Mio. Niederländern, Richtung Schweiz, genauer nach Davos. Im Hotel einchecken, Startunterlagen abholen, Startbereich inspizieren und Kohlehydrate schaufeln gehören zur Standard-Wettkampfvorbereitung. Noch den Wetterbericht checken. Hmmm, ab 16 Uhr soll es schwere Gewitter geben. Na toll.

Wer die Berge kennt, der weiß, was das für die Klamottenauswahl bedeutet. Da kannst Du alles mitschleppen, was der Koffer hergibt. Okay, jammern hilft nix. Ich versuche Armlinge, Windweste und Powergels in einem Bauchbeutel unterzubringen, in der Hoffnung, dass der Wetterbericht morgen besser aussieht.

Der Start am Samstag ist für 10 Uhr angesetzt. Eine echt humane Zeit. Da kann man ausschlafen, gemütlich frühstücken und für die wichtigste Sitzung ist auch noch Zeit.

Samstag, Wettkampftag, 17 Grad, strahlend blauer Himmel. Ideales Marathonwetter. Ich mache mich zu Fuß auf den Weg Richtung Startbereich. Dabei begutachte ich die Ausrüstung der anderen Teilnehmer, insbesondere der "Bergmenschen".  Wenn die nix mitschleppen, dann nehme ich auch nix mit. Ich habe nämlich keinen Bock das ganze Gepäck mitzuschleppen.

Kurze Rechnung: Start ist um 10 Uhr , Gewitter ist um 16 Uhr. Also hätte ich 6 Stunden für hammermäßige 47 km. Das muss ich mir echt schönrechnen. Sche.. auf Gewitter, die Klamotten bleiben in der Umkleide.

Kurz vor 10 Uhr. Es herrscht eine ungewöhnlich entspannte Stimmung unter den Teilnehmern. Nicht das Gedränge, wie bei anderen Wettkämpfen. Man hat das Gefühl, die wollen gar nicht an den Start. Ob das etwas zu bedeuten hat ?

Punkt 10 Uhr fällt der Startschuss. Aus dem Stadion raus, noch eine Runde durch Davos, das war's dann mit flach für heute. Jetzt geht es durch das Dischmatal ca. 15km stetig bis auf knapp 2000 Hm. Die Strecke ist wirklich traumhaft. Auf schmalen Wanderwegen, über Wiesen (inzwischen brennt der Planet ganz schön) kommt man nach Dürrboden, wo der ca. 4 km lange Aufstieg auf den 2600 Meter hohen Scalettapass beginnt.

Der sogenannte historische Aufstieg führt über schmale Trails nach oben. Ich kann euch sagen, das ist ganz schön steil, ganz schön anstrengend und die Luft ist irgendwie auch dünner. Ich keuche mich also den Berg hoch, als vor mir eine kleine Schlucht mit einem reißenden Gebirgsbach auftaucht. Nicht sehr breit, vielleicht 5 Meter, und auch nur 5 Meter tief.

Darüber sind ein paar Bretter gelegt, 1,50 Meter breit. Normalerweise keine große Sache. Ich halte einen Moment inne und merke, dass die "Brücke" schwankt. Kann nicht sein, die ist fest. Ich komme mir vor wie ein Volltrunkener. Okay hier hilft Dir niemand. Schnell darüber, bevor sich der Verstand meldet.

Ich wusste gar nicht, dass noch Adrenalin im Körper ist. Spätestens jetzt wahrscheinlich nicht mehr (dachte ich fälschlicherweise). Oben angekommen, was soll ich sagen, ist nix. Da es hier keine Straße oder sonstigen Wanderwege gibt, hält sich der Publikumsverkehr in Grenzen.

Die zwei Esel, die sich mir in den Weg stellen, umrunde ich respektvoll. Nicht weil ich Angst vor Tieren hätte. Aber wenn Du auf allen Vieren den Berg hochkraxelst, hochschaust und 20cm vor deinem Gesicht eine Eselgrimasse auftaucht. Da kann man schon Respekt kriegen.

So wie es hoch ging, geht es jetzt auch    wieder ca. 400 Hm runter. Ich kann Euch sagen, das ist der Teil bei den Bergläufen, in dem der gesunde Menschenverstand ausgeschaltet wird.

Ich renne also diesen Trail runter, ohne Helm, ohne Schutzausrüstung und vor allem ohne Bremsen.

Von dem Bergpanorama bekomme ich natürlich nichts mit, da mein Blick fest auf die nächsten zwei Meter Felsen-Trail vor mir gerichtete ist. Meine Füße berühren fast nicht den Boden. Ich habe das Gefühl, als ob in meinen Oberschenkeln Scheibenbremsen montiert sind, die jetzt anfangen zu glühen.

Konzentration, unter Spannung bleiben, nicht ans Abstürzen denken. Beim Start gab es noch eine Gedenkminute für einen Läufer, der am Tag zuvor bei einem anderen Lauf abgestürzt war. Ich will aber nur so schnell wie möglich unten ankommen, damit die Schmerzen nachlassen.

Endlich, die Alp Funtauna kommt in Sicht. 22 km und Verpflegungsstelle. Ich schütte soviel Flüssigkeit in mich rein, wie geht. Bananen, Gel, Riegel. Wie soll ich da den nächsten Pass hochkommen ?

Nach der Verpflegungsstelle geht es auch direkt wieder aufwärts. Auf den Sertigpass, auf über 2700 Hm. Jetzt geht es darum, bloß keinen Krampf zu kriegen.

Irgendwo auf halber Höhe stoßen die Läufer des kürzeren K36 und Staffelläufer hinzu. Jetzt ist es zwar nicht mehr so einsam, aber die frischeren Läufer versuchen auf dem schmalen Trail zu überholen, wodurch man unwillkürlich schneller wird.

Allerdings quittieren das die Oberschenkel unverzüglich mit einem kurzen Stechen und ich denke mir:"Runterzus krieg ich euch eh alle wieder."

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich hochgekommen bin. Der Mensch ist schon ganz schön leidensfähig. Aber oben angekommen, lockt die Aussicht, dass es jetzt fast 20 km bergab geht, zumindest laut dem groben Streckenprofil. Die ersten 5 km, wie gehabt im Kamikaze Sturzflug. Danach werden die Wege etwas begehbarer, aber immer noch ziemlich steil.

Die nächste Verpflegungsstelle in Sertig Dörfli ist ein kleiner Hotspot. Hier haben sich viele Zuschauer und Angehörige eingefunden, die die Teilnehmer vor den letzten 13 Kilometern nochmals richtig anspornen.

Wer allerdings dachte, dass es nur noch bergab geht, hat sich geirrt. In stetigem auf-und ab geht es Davos entgegen. Das einzige flache Stück sind die letzten 600 Meter zum Einlauf ins Stadion.

Noch ein letzter "Endspurt", Haltung bewahren, Ziel. Die Uhr bleibt bei 6:11 Stunden stehen. 36.er Platz in der M40. Gar nicht so übel für einen Flachländer, sage ich mir. Meine Familie erwartet mich schon sehnsüchtig. Jetzt nur noch Duschen und die Beine hochlegen. Gewitter gab es übrigens keines, also doch den richtigen Riecher gehabt.

Und ob ich mir das nochmal antun will ?

Bestimmt.